Ziele brauchen Schmackes und Kraft

von Lioba Heinzler

Stellen wir doch mal zu Beginn eine heikle Theorie auf: Viele Frauen erreichen ihre Ziele nicht, weil sie keine haben. Klingt hart. Ist auch so gemeint. Erfolgreiche Unternehmen wie auch erfolgreiche Menschen haben schriftlich fixierte Ziele. Das ist längst kein Geheimnis mehr. In einer Harvard-Langzeitstudie wurde das überdeutlich: Da hatten 83 Prozent der Studienabgänger keine Zielsetzung für ihre Karriere. 14 Prozent hatten eine und verdienten zehn Jahre später dreimal soviel wie die Mehrheit ohne Ziele. Zehnmal so viel verdienten die drei Prozent, die obendrein ihre Ziele für ihre eigene Karriere schriftlich fixiert hatten. So weit, so gut. Jetzt mal Hand aufs Herz: Haben Sie selbst schriftlich fixierte Ziele? Wenn nein, können sie sich immerhin zur Mehrheit zählen… Aber das tröstet nur wenig, wenn man dann sieht, dass die wenigen mit klar formulierten Zielen an uns vorbeiziehen und schnurstracks Karriere machen. Doch wenn ich mit meinem Unternehmen erfolgreich sein will, brauche ich nicht nur konkrete Umsatz- und Marketingziele, sondern die Formulierungen müssen meinem Herzensanliegen entsprechen. Ziele brauchen meine Leidenschaft, mein Herzblut, meine Entschiedenheit. Sie brauchen Schmackes, Kraft, Power, Energie. Wenn Liebe die stärkste Form der Hinwendung ist, dann brauchen meine Ziele genau das: Liebe. Liebe lebt von der Entschiedenheit. Es geht um klare Gedanken, die mit Herzblut umgesetzt werden. Und diese Ziele sind nicht ausgewogen. Sie sind subjektiv und parteiisch, sie sind ungerecht und lassen anderes liegen, was vielleicht auch wichtig wäre. Sie sind rücksichtslos – und das ist eine große Herausforderung gerade für Frauen. Wer erzogen wurde, es allen recht zu machen, verdrängt die eigenen Ziele. Wenn frau sich alle Optionen offen halten will, weil sie mal sehen will, was kommt – dann wird nicht viel kommen. Das Gegenteil von Liebe ist nicht der Hass, sondern die Gleichgültigkeit, die Beliebigkeit - und die Angst. Gerade dies zu überwinden, stellt für viele Frauen eine Schwierigkeit dar. Auch, dass Frauen „aus Liebe“ oft intensiver an den Zielen der Liebsten arbeiten - an denen von Partner und Kindern, von Chef und Kollegen - verhindert ihren eigenen Erfolg. Häufig begegnet mir bei Frauen die Vorstellung, mit einer „weißen Weste“ durchs Leben zu kommen. Von dieser kindlichen Vorstellung muss frau Abschied nehmen, wenn sie ihre Ziele erreichen will. Wenn ich Verantwortung übernehme, heißt das, dass ich kränke und verletze, wenn auch selten mit Absicht. Tragfähige Ziele finden sich, wenn frau die richtigen Fragen stellt: Was kann ich besser als andere? Was sind die entscheidenden Überzeugungen in meinem Leben? Was will ich und wohin will ich? Und mit der Liebe stellen sich immer auch existenzielle Fragen, also Fragen nach Leben und Tod: Was ist mir als Mensch und Unternehmerin so wichtig, dass ich dafür mein Leben riskieren würde? Für welche Werte würde ich sterben? Und natürlich stellt sich daran gerade auch für Frauen die Frage: Wer ist bereit, dafür Geld auszugeben? Wenn ich mich und mein Unternehmen mit den Kernkompetenzen sortiert habe, weiß ich, wohin ich will. Ich kann schauen, welche Chancen sich auftun, die zu mir und meinem Anliegen passen. Wenn ich jedoch keine Richtung habe, wo es hingehen soll, schlingere ich durch den Tag, nach dem Motto: „Wir wissen zwar nicht, was wir wollen, das aber mit ganzer Kraft.“ Diese Ruhelosigkeit kostet wertvolle Energie. Klarheit in den Zielen führt zu Freiheit und Gelassenheit. Und diese Gelassenheit fehlt uns Frauen oft. Mein Eindruck ist immer wieder, dass wir viel mehr unter Druck stehen als unsere männlichen Kollegen. Immer noch müssen wir beweisen, dass wir es wert sind, dass wir mitspielen dürfen. Doch was sind das für Maßstäbe…? Es wird Zeit, dass wir unsere eigenen Ziele definieren! Zwei Gedanken helfen mir an diesem Punkt immer wieder: „Ich bin berechtigt!“ und „Ich bin meine eigene Autorität!“ Denn eines ist klar: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht. 

Erschienen in: existenzielle. das magazin für selbstständige frauen, 2008_1 (www.existenzielle.de)

 

 

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