Unterm Schnee wächst der Weizen

Kolumne von Lioba Heinzler, erschienen im RGA und der WZ 06.03.2010

So arg hat sich der Winter in unseren Breitengraden schon lange nicht mehr hingezogen. Die Schneemassen strapazieren zunehmend die Geduld der Menschen. Nach den langen Wintermonaten machen die längeren Tage Lust, das Haus zu verlassen, aufzubrechen und Neues anzupacken. Doch immer noch hält die Natur gewissermaßen den Ball flach – es ist unwirtlich, wenig einladend. Genauso verhält es sich gerne mit den Anliegen und Themen im eigenen Leben. Da will man was anpacken, verändern, endlich aus der Welt schaffen, mit irgendetwas anfangen oder endlich aufhören. Es ist schließlich noch gar nicht so lange her, da wurde das neue Jahr mit guten Vorsätzen begonnen. Doch das Glatteis des Lebens, das widrige Wetter des täglichen Ein und Aus machen diese Absichten schnell zunichte. Der Alltag zerrt an den Nerven, Ungeduld macht sich breit. Das frustriert. Das Tagewerk wird als erfolglos abgebucht. Genervt und gestresst ist man dann  für die eigene Umgebung nur schwer zu ertragen. Was gerne übersehen wird: Die Veränderung geschieht - aber in kleinen, oft unscheinbaren Schritten. Auch der Winterweizen überwintert am besten unter einer Schneedecke, um dann im Frühjahr umso schneller zu wachsen. Das ist wie mit dem persönlichen Wachstum und der eigenen Weiterentwicklung: Das braucht Zeit. Und Zuversicht. Es gewinnt nur der, der einmal mehr aufsteht, als er gefallen ist.

 
 

© moewe, 2012