Von Lioba Heinzler
Dieser Tage unterhielt ich mich mit einer Kollegin über unsere Schulzeit. Sie sei immer gerne zur Schule gegangen, erinnerte sie sich. Eine gute Schülerin sei sie gewesen. Ihr Bruder dagegen hasste die Schule und ihre Regeln – und wirklich gut war er auch nicht. Heute ist er derjenige, der eine Menge Kohle verdient. Ich erinnerte mich an meinen Bruder, der sich kurz nach mir selbstständig gemacht hatte. Auf meine Aktivitäten in Netzwerken, wo ich herausfinden wollte, wie es die anderen machen, reagierte er mit der verständnislosen Frage: Was machst du da? Du musst Geld verdienen! Er ist das ganz anders angegangen. Und ist heute wirtschaftlich erfolgreicher als ich. Dass die Männer um uns herum meist besser verdienen, ist nicht neu. Bei unseren Brüdern aber fängt dann unser Staunen an. Bei ihnen erlebten wir hautnah und tagtäglich, wie sie sich ihren Weg suchten, wie sie Antworten fanden auf die Anforderungen der Familie und der Gesellschaft. Obwohl die Rahmenbedingungen die gleichen waren und sich unsere Eltern sehr um eine gerechte Aufteilung der Haushaltspflichten mühten, eroberte er mit seiner Fahrradbande die nähere und weitere Umgebung. Ich dagegen spielte vor unserem Haus zusammen mit meinen Freundinnen mit meiner Barbiepuppe. Was ich heute im Geschäftsleben sehe, erinnert mich an früher: Die Jungs kämpften auf dem Bolzplatz, die Mädchen standen am Rand und analysierten die Beziehungen. Wir sind tatsächlich besser darin, Beziehungen zu analysieren, das ist uns nur vielfach nicht bewusst. Damit könnten wir wuchern. Aber nur, wenn wir das GANZE System verstehen – und nutzen. Jungs haben eine pragmatische Einstellung zur Schule: Mit wenig Aufwand den größtmöglichen Gewinn erzielen und nebenbei ihre eigenen Interessen verfolgen. Mädchen sind angepasster und machen, was verlangt wird. Diese Stärke in der Schule ist ein Handicap im Erwachsenenleben.
Immer noch erfüllen Frauen lieber Maßstäbe, als selbst welche zu setzen. So wird eine zur „rechten Hand“, zur „Frau, die ihm den Rücken frei hält“. Ich gestaltete mal einen Workshop für die Oberstufe eines Gymnasiums zum Thema Selbstmarketing. Die Mädchen verstanden nicht, wovon ich redete.
Die Jungs wissen, dass der Arbeitsalltag anders gestrickt ist als die Schule, denn sie kennen das „Gesetz der Straße“: sich im Rudel organisieren, sich messen und sich durchsetzen, nicht beleidigt sein, wenn man mal verliert. An diesem Punkt sind Frauen nachtragender: Sie messen sich nicht gerne und sind auch keine guten Verlierer. Eltern mag es beruhigen, dass die berufliche Zukunft der eigenen Kinder nicht in erster Linie von den Schulnoten abhängt. Wenn es so wäre, wäre der überwiegende Teil der Leistungspositionen heute schon mit Frauen besetzt.
Doch neben der guten Ausbildung bedarf es noch einer weiteren Eigenschaft: Frechsein. Damit haben wir Frauen mehr Schwierigkeiten. Vielleicht, weil es uns stärker um Beziehung und Kooperation geht und weniger um das Durchsetzen von Macht und Position. Vielleicht, weil wir einen (zu) hohen Anspruch haben, privates Leben und Arbeit miteinander zu verbinden. Trotz aller kooperativen Frauennetzwerke reift da irgendwann die Erkenntnis: Richtig Geld verdiene ich mit den Männern. Und an dem Punkt hat es mein Bruder leichter. Er hat sehr früh gelernt, sich im Rudel der Geschäftswelt zu bewegen. Die Versuchung des „Gefallen-Wollens“ des kleinen Mädchens in uns ist eines der größten Hindernisse, unser Potenzial zu entfalten. Zur Lösung braucht es das, was die ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff mal auf die Frage, wie sie mit all den Widrigkeiten und den Widersprüchen umgehe, antwortete:
„Sie müssen sich völlig unabhängig machen von -Lob.“ Es hilft also kein Jammern, dass unsere Brüder uns überholen. Vielmehr sollten wir uns vielleicht sogar mal was abgucken vom Erfolgsrezept der Siegertypen. Und uns dafür selbst loben – sonst tut es ja keiner.
© moewe, 2012