Flexibel bis zur Zerreißprobe

von Sabine Wengelski-Strock, erschienen im RGA und der WZ 11.09.2010

Samstags gehört Vati mir!“ So lautete der Slogan des DGB 1956 bei einer Kampagne zur Einführung der Fünf-Tage-Woche. Damals war klar und eindeutig: Feierabend war Feierabend, Überstunde war Überstunde. Arbeitszeit war geregelt – alle wussten wo sie dran waren. Heute gilt überwiegend der Leitsatz: Wann die Arbeit gemacht wird, das entscheidet sich von Fall zu Fall, je nach Aufgabe. Die Unternehmen sind flexibel und erwarten das auch von Mitarbeitenden. Samstags arbeiten, nachts arbeiten: Das ist doch kein großes Problem, dann ist eben mittwochs frei. Das ermöglicht vielen Menschen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wenn Papa arbeitet, kann Mama nach den Kindern schauen, wenn Mama arbeitet, ist ja Papa da. Aber wann, bitte schön, kann diese Familie sich als Familie erleben? Wann kann der allseits einsatzbereite Mitarbeiter Freunde treffen, sich engagieren, wenn er keine verlässlichen Arbeitsstrukturen mehr vorfindet? Die Informationstechnologie eröffnet viele Möglichkeiten, flexibel zu arbeiten. Aber wer entscheidet, wann genug gearbeitet ist? Das sind die Anforderungen an Führungskräfte: In diesem unübersichtlichen Raum Grenzen zu setzen, den Verführungen des ständigen Arbeitens nicht zu erliegen. Sonst kommt irgendwann die ganze Arbeit zum Erliegen: Wenn alle nicht mehr können und zwischen Ansprüchen und Realität zerrieben sind.

 
 

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